Nach der Übelkeit

Ein jeder fragt, wie es mir geht, und jeder sagt, dass “nach den ersten drei Monaten ja alles besser wird.” Das mag für das rein Körperliche ja bedingt stimmen, aber für alles andere – scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein. Was nicht heißt, dass ich mich nicht freue, das ist etwas ganz anderes. Es fragt niemand danach, wie es mir dabei geht, dass ich als ein meist recht strukturierter (was meine Arbeit angeht) Mensch, der immer schneller war als die Idee, die ich von mir hatte und immer einem relativ hohen Maß an Selbstkontrolle unterlag nun plötzlich alle Struktur, alle Kontrolle aufgeben muss bzw abgeben muss an ein neues Leben, das da entsteht. Und das in einer Welt, in der man mit der Schwangerschaft nicht einfach Mutter wird. Sondern in der das gesellschaftliche Bild und auch das Leben, das man sich selbst geschaffen hat, eigentlich verlangt, natürlich problemlos genau die Frau zu bleiben, die Multitasking-fähig natürlich die Dinge mit Freude erledigt und schafft, die anstehen und die wichtig sind – und vor allem auch die, die für einen selbst wichtig sind. Leider gehen diese Ideale an der Realität vorbei – zumindest an meiner. Die perfekte Schwangere bringt neben dem Haushalt, ihrem Job und evtl. noch anderen Kindern natürlich noch den Sport mit unter, ruht sich aus, wenn es nötig ist, hat Verständnis für den Partner, der nach einem langen Arbeitstag auch keine Lust mehr hat, etwas anderes zu tun, als auf dem Sofa zu sitzen. Doch wer motiviert einen dazu? Wieviele von diesen Frauen betrügen sich selbst? Wer schafft es wirklich, das alles zu tun, jeden Tag eine Stunde an der frischen Luft, Yoga, Atemtechniken, alles andere, was zu tun ist, ohne sich in Wirklichkeit zu stressen und auszutricksen?
Man soll auf sein Bauchgefühl hören, sagen die Leute. Schön. Aber was ist, wenn das Bauchgefühl jegliche Struktur, jegliche Pflichten, all das, was man gewohnt ist, von sich selbst, was andere von einem erwarten, auffrisst? Dazu ganz banal die plötzliche Einsamkeit, durch die Abwesenheit des besten Freundes und Gefährten auf Lebenszeit, nach Wochen, in denen es gerade einmal möglich war, sich langsam an diesen Gedanken zu gewöhnen, auch gemeinsam eine Veränderung zu vollziehen und zu erleben.

“Schwanger” ist keine Krankheit, das ist richtig. Aber sie schränkt enorm ein, fordert heraus im Sinne einer Neudefinition der eigenen Identität. Sie erschreckt, wenn sie mit einem Mal Unterleibskrämpfe produziert, die Angst machen, ausbremsen, ohne einem Zeit un Kraft zurückzuschenken, wenn sie vorbei sind. All diese Mechanismen, die es vorher gab, sich zu entspannen oder den Kopf frei zu machen – ein Glas Wein am Abend, eine Nacht mit Freunden in der Küche sitzen und quatschen, Sport (!!!) – müssen völlig umdefiniert werden. Drei Mal Laufen pro Woche ist nicht mehr drin, es fehlt frische Luft und die Kraft, sie zu tanken, es stellt sich die Frage wer man auf einmal ist.

Die Herzensfreundin von schrägunten hat dieses von mir hier aufgegriffene und mit meinen Ideen und Empfindungen ergänzte Gedankenexperiment für alle Männer: Es wird dir der Beruf und deine Leistungsfähigkeit, in der du dich eingerichtet hast, genommen und umstrukturiert, weil du plötzlich eine körperliche Veränderung durchmachen musst, die du nicht beeinflussen kannst in ihrer Intensität, in ihrem zeitlichen Vorkommen, ihrer Dauer und ihrer Konsequenz. Du kannst Fragen nach Plänen und was du morgen tun kannst nicht beantworten. Plötzlich bestimmt ein anderes Leben dein eigenes. Alles ist möglich. Und zwar ausgelöst ohne deinen Willen und deine Macht.

2 Gedanken zu “Nach der Übelkeit

  1. kreativberg

    Ich wünsch dir alles Liebe, viel Kraft, Zuversicht und auch Hoffnung.
    Und ich hoffe, du bist nicht auf Dauer einsam, sondern es ist eine absehbare Zeit ohne deinen Lebensgefährten?!
    Für mich sind Schwangerschaften ganz besondere Zeiten, die nicht immer einfach sind. Einerseits haben sie einen gewissen Zauber, weil es (für mich) einfach ein großes Wunder ist, dass aus dem scheinbaren Nichts etwas so Wunderbares heranwachsen kann, das man nach ca. 40 Wochen in den Armen wiegen kann und das einen so sehr braucht, bedingungslos liebt…
    aber es ist auch eine sehr herausfordernde Zeit, körperlich und seelisch. Für mich waren in allen Schwangerschaften sehr entscheidene berufliche Weichen zu stellen, die es einfacher zu stellen gewesen wäre, wäre ich nicht schwanger gewesen. Aber so haben sich neue Wege ergeben, an die ich ganz und gar nicht gedacht hatte… ich glaube, eine Schwangerschaft bereitet einen ganz gut vor auf das Eltern-/Mutter-Sein: Struktur, Pläne… vieles ist relativ dann. Und doch wieder wunderbar, was sie dann daraus entwickeln kann, auch wenn es anders ist, als man sich vorher zurechtgelegt hätte.
    Was ich gelernt habe in den Schwangerschaften ist ganz klar zu sagen, was ich brauche – ich glaube, werdende Väter haben bei ersten Schwangerschaften so gar keine Vorstellung, was die Frau braucht/möchte/kann/nicht kann… dazu noch die Hormonumstellung und all das… puh!
    Ich mache nie regelmäßig Sport, somit hat mir das auch nie gefehlt ;) – aber zum Entspannen habe ich anderes für mich entdeckt. Stricken, Schreiben… Filme ansehen, Bücher lesen… statt einem Gläschen Wein einen besonders guten Tee :)

    Ich wünsch dir ganz viel Freude auch beim Neufinden deiner selbst. Ich glaube nicht, dass man sich neu ERfinden muss, aber doch kleine Veränderungen notwendig sind. Vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit. Aber ich bin (rückblickend zumindest) dankbar dafür, weil mir genau das – dieses mich ein wenig verändern durch Schwangerschaften, Kinder… – so viel Neues eröffnet hat und mich unglaublich bereichert. Das möchte ich niemals missen. Auch wenn mir die Schritte dazu nicht immer einfach gefallen sind.

    Alles Liebe.
    maria

    P.S. Solltest du etwas für das Baby brauchen, bitte melde dich bei mir. Ich hab hier schon zu klein gewordene Kleidung von meinem Jüngsten :)

    1. MariaW Artikel Autor

      Liebe Maria, hab Dank dafür. Ich bin ganz und gar deiner Meinung und bin mir sicher, dass eine Schwangerschaft die beste Vorbereitung ist aufs Elternsein. Aber die Umstellung ist für mich im Moment wesentlich größer als ich es in den vergangenen Wochen auch nur geahnt habe. Vielleicht ja auch, weil ich erfahren musste, dass es nicht reicht, zu sagen, was man kann / nicht kann / braucht / möchte (denn das weiß ich nicht nur sehr genau, sondern habe inzwischen auch den Mut, das zu äußern), sondern dass das auch gehört werden muss. Doch das ist natürlich ein anderes Thema. Die große Veränderung, ob sie mich erschreckt oder mir Angst macht – am Ende ist sie wahrscheinlich näher bei mir und “ich” als ich jetzt gerade denke.

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